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An: alle politisch Interessierten

Aufruf für einen Aufbruch nach Corona

am 28.1.2021

Aufruf für einen Aufbruch nach Corona

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

vermutlich sinnen wir derzeit alle oft darüber nach, was unsere neuen Erfahrungen in dieser Pandemie für uns und unsere Nachkommen vielleicht doch Gutes und Hilfreiches hervorbringen könnten.
Der global denkende Soziologe Mike Davis, Verfasser mehrerer schon früh vor Viren warnender Bücher, stammt aus einer Metzgerfamilie und hat selbst längere Zeit in der „Fleischindustrie“ gearbeitet. In seinem kurzen Text „Covid 19 ist erst der Anfang“ beschreibt er das Verhalten von Viren (welches auf Wikipedia in einem kurzen Video sehr anschaulich erlebt werden kann) folgendermaßen:
„Die meisten Lebewesen reproduzieren sich langsam und sorgsam. Viren hingegen reproduzieren sich extrem schnell und ziemlich unsorgfältig. Sie sind wie ein Kopiergerät: Sie dringen in ihre Wirte ein und kapern deren Zellen, um damit ihr eigenes Genmaterial zu kopieren, aber bei diesem schnellen Kopieren passieren ständig Fehler. Das nennt man Mutation. So entsteht eine unglaubliche Anzahl an Virusvariationen. Die meisten davon sind völlig bedeutungslos. Aber einige haben gefährliche Eigenschaften. Zum Beispiel Impfstoffresistenz. Oder eine leichtere Übertragbarkeit, wie das im Februar mit einer Mutation des Coronavirus geschah.“
Und er benennt sehr eindrücklich die kapitalistische Wirtschaftsweise – z.B. in der Massentierhaltung, Überfischung der Meere, in kunstgedüngter Erde, Monokulturen, der Zerstörung der Regenwälder –, aber auch das globale Bevölkerungswachstum als Ursachen für die Ausbreitung von Pandemien: „Mehr Körper auf weniger Raum bedeuten mehr Chancen für die Entstehung von Mutationen oder Hybridviren und für ihre Verbreitung, egal bei welchem Virus.“ „Die Geschichte des Kapitalismus ist die Geschichte der Entstehung gefährlicher Viren … Wenn man Viren den Garaus machen will, muss man auch verstehen, wie sie zum Menschen kommen. Und da werden die Fragen der politischen Ökologie und der politischen Ökonomie zentral.“ Derzeit handele es sich um die „Zerstörung funktionierender Agrarökosysteme … durch Agrarbusiness.“
Und: 2005 hätten 1 Milliarde Menschen in Slums gelebt, heute seien es 1,8 Milliarden. Dafür müssten Lösungen gesucht werden: „Die Kontrolle über die Urbanisierung der Welt ist ein wesentlicher Teil der Lösung. Es braucht eine Machtverschiebung hin zu den kleinen Produzenten und den Arbeitern in der Landwirtschaft.“ Es sei klar, „dass man Katastrophen nur abwenden kann, wenn man ökonomische Macht demokratisiert … demokratische Eigentümerschaft vergrößert, was nicht dasselbe ist wie staatliche Eigentümerschaft. Und das beginnt damit, dass man wichtige öffentliche Institutionen bewahrt.“
Wie so etwas verwirklicht werden könnte, dazu haben viele Gruppierungen, etwa unter dem Stichwort „Solidarische Ökonomie“, schon Wegweisendes erarbeitet. Franz Groll z.B. von der Akademie Solidarische Ökonomie fordert: „In Zukunft darf nur noch Arbeitsleistung (körperliche und/oder geistige) entlohnt werden, für Kapital in jeglicher Form darf es keine Gewinnausschüttung mehr geben.“
Und auch Kulturschaffende wie z.B. der ehemalige Strafverteidiger Ferdinand von Schirach oder der Literaturwissenschaftler Joseph Vogl bewegen diese existentiellen Fragen. Von Schirach z.B. fragte am 30.3.2020, in einer Situation, in welcher das Kriterium Systemrelevanz bereits Konjunktur hatte: „Warum sollten wir nicht endlich ein für alle Mal festlegen, dass wirtschaftliche Interessen stets und an jedem Ort der Welt hinter den universellen Menschenrechten zurücktreten müssen? Wir haben gesehen, wozu unsere Länder in der Lage sind, wenn es darauf ankommt – genau jetzt ist der richtige Zeitpunkt.“ (In „Trotzdem“ zusammen mit Alexander Kluge)
Die Unterzeichner*Innen sind davon überzeugt, dass wir Not-wendend über das herrschende System der gesellschaftlichen Eigentums- und Machtverteilung nachdenken und dieses dann auch verändern müssen.
Die Not-wendenden großen Veränderungen scheinen uns vor allem durch solche der Eigentumsordnung und des Finanzsystems als den Zentren der gesellschaftlichen Machtverteilung möglich.
Angesichts der bestehenden Eigentumsverhältnisse wird ein solches Umdenken nur durch die Macht und Mehrheit der Nicht- und der wenig Besitzenden (der „99 %“) möglich werden. Mit diesem Aufruf möchten die Unterzeichnenden möglichst viele von Ihnen erreichen.

Das sind für viele von uns sehr weitreichende, vielleicht utopische Gedanken und Forderungen. Aber wann, wenn nicht jetzt sollten wir umdenken?

Erste Zeichnung am 28.1.2021

Ruth Priese (Berlin),
Christa Maria Bauermeister (Hildesheim),
Margit Geilenbrügge (Dortmund)
Rainer Hanemann (Jena)
Klaus Simon (Grümpen)
Bernd Winkelmann (Leinefelde)
Hans-Jürgen Fischbeck (Berlin)
Franz Groll (Gechingen)
Norbert Bernholdt (Lüneburg)
Friederike Schulze (Berlin)
Leonore Schicktanz (Berlin)
Kristina Bollmann (Berlin)

Warum ist das wichtig?

Weil die Erfahrungen in den Lockdowns uns zeigen, dass Leben und Kommunikation möglich und sinnvoll sein kann bei vielen materiellen Beschränkungen. Diese Erfahrungen sind m.E. eine riesengroßen Chance, auch größere Probleme eines Systemwechsels anzupacken und zu diskutieren. Ich denke an die Einrichtung von "Runden Tischen" live oder online.

Neuigkeiten

2021-04-14 11:31:18 +0200

25 Unterschriften erreicht

2021-02-16 07:03:38 +0100

10 Unterschriften erreicht