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An: Gemeinsamer Krisenstab BMI/BMG, zuständige Minister:innen der Länder, Deutscher Bundestag, Kassenärztliche Bundesvereinigung, Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen, Entscheidungsträger:innen, Mitbürger:innen/Zivilgesellschaft

Denkt uns mit: Menschen mit psychischen Erkrankungen und Corona

Denkt uns mit: Menschen mit psychischen Erkrankungen und Corona

Hi, wir sind auch da. Wir sind Menschen mit psychischen Erkrankungen. Wir sind Menschen, die schon vor Corona eine oder mehrere Krisen durch hatten. Wir sind Menschen, die durch Depressionen manchmal keinen Fuß vor den anderen kriegen und dann bei einer Wanderung oder einem Konzertbesuch mit Freund:innen plötzlich wieder Lebensfreude verspüren. Manche von uns haben mehrere Suizidversuche hinter sich und trotzdem einen Hochschulabschluss. Wir sind Menschen, die Panikattacken, Schlafstörungen, Angst und Einsamkeit nicht erst seit Corona und Home Office kennen. Wir haben und brauchen unter normalen Umständen schon Superheld:innenkräfte um zu studieren, zu arbeiten, unsere Kinder großzuziehen, Freundschaften zu pflegen, uns ehrenamtlich zu engagieren, unsere Erkrankung vor der Welt zu verbergen oder einfach nur um zu überleben. Wir sind Menschen, deren Gesundheitszustand sich in den nächsten Tagen rapide verschlechtern könnte. Wir sind Menschen, welche die nächsten Tage mit sozialer Distanz und Ausgangssperren das Leben kosten könnten. Ohne Corona haben wir uns mit unseren Therapeut:innen über Wochen, Monate oder Jahre Strategien, Notfallpläne und soziale Auffangnetze erarbeitet. Dazu gehört z. B. rausgehen, ablenken, Freund:innen treffen, in ein Café gehen, Sport in Gruppen machen, die Hausarbeit für die Uni mit Freund:innen in der Bibliothek und nicht allein zu Hause schreiben. Ihr seht: Diese Strategien und Notfallpläne sind nur begrenzt Corona-tauglich. Natürlich müssen wir handeln, natürlich wird dies nicht ohne soziale Distanz gehen, aber liebe Politiker:innen, liebe Mitbürger:innen bitte denkt uns mit. Liebe nicht-betroffene Mitbürger:innen seid solidarisch und zeichnet unser Anliegen mit:

Warum ist das wichtig?

- Wir brauchen unsere Therapeut:innen, unsere Einzelfall-Helfer:innen, unsere Sozialarbeiter:innen. Eine telefonische oder digitale Beratung kann einen kurzen begrenzten Zeitraum überbrücken, ist aber kein Ersatz. Es gibt bereits gute Apps für leichtere Krankheitsverläufe oder Krisen zwischen zwei Therapiesitzungen, aber nicht jede akute Krise wird sich in den kommenden Tagen digital oder telefonisch auffangen lassen. Psychische Krankheiten können die Kommunikationsfähigkeit einschränken oder die Fähigkeit, emotional Kontakt zu einer nicht physisch anwesenden Person aufzubauen. Für manche Menschen mit psychischen Erkrankungen ist es nicht möglich, ihre Notlage am Telefon zu äußern. Wir brauchen Einzelfall-Lösungen z. B. Spaziergang mit der Einzelfall-Helfer:in und Abstand im Park statt Hausbesuch, Lösungen für den Besuch in der Praxis z. B. mit Abstand zwischen Therapeut:in und Patient:in, Ideen für Notfall-Hausbesuche.
- Funktionale soziale Kontakte müssen gefördert werden und mit entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen möglich bleiben, wo diese ein weiteres Abrutschen in die Krise verhindern und Leben retten können.
- Krankenhäuser entlasten: Ambulante, tagesklinische und arbeitstherapeutische Behandlungen in angepasster Form aufrechterhalten z. B. einmal die Woche in kleineren Gruppen. Patient*innen ambulant statt stationär versorgen. Wenn vor Corona auf psychiatrischen Stationen bereits häufig drei Betten in einem zwei Bett-Zimmer standen, können wir uns auch hier einen Kollaps der stationären Versorgung nicht leisten! Dieser kann ebenfalls Menschenleben kosten! Und nein, Psychotherapie ist kein Luxus-Selbstfindungstrip und ambulante Versorgung unter Umständen eine Alternative zu stationärer – heißt stationäre Versorgung wird notwendig, wenn ambulante Versorgung eingeschränkt wird oder wegbricht.
- Manche Menschen mit psychischen Erkrankungen haben bereits vor Corona die Erfahrung gemacht, dass ihre Grundrechte eingeschränkt wurden. Auch aktuell muss alles Mögliche getan werden, um Gewalt und Zwang in der psychiatrischen Behandlung zu vermeiden.
- Weiterhin muss gelten, dass medikamentös nur so viel wie nötig und so wenig wie möglich behandelt wird. Nutzen und Nebenwirkungen von Medikamenten abwägen. Manche Menschen mit psychischen Erkrankungen haben Monate oder Jahre gebraucht, um sich ein Leben ohne Medikamente zu erarbeiten, die nächsten Tage könnten dies zunichtemachen.
- Verhindern, dass Suizidversuche notärztlich oder intensiv-medizinisch behandelt werden müssen (und nein, wer einen Suizidversuch unternimmt, ist nicht einfach selber Schuld oder hätte sich das mal früher überlegen sollen, sondern hat genauso Würde und Leben verdient!).
- Unterstützung für unsere Therapeut:innen, unsere Einzelfall-Helfer:innen, unsere Sozialarbeiter:innen: Vielleicht brauchen sie Kinderbetreuung, vielleicht gehören sie selbst zur Risikogruppe und brauchen eine Vertretung etc.
- Es gibt eine Schnittmenge zwischen Menschen mit psychischen Erkrankungen und erwerbslosen Menschen. Es gibt eine Schnittmenge zwischen Menschen mit psychischen Erkrankungen und sozial isolierten Menschen. Wenn wir Bewegungsfreiheit an Arbeit koppeln, nehmen wir Menschen mit psychischen Erkrankungen unter Umständen überlebenswichtige Ressourcen. Genauso, wenn wir sozialen Kontakt an Kernfamilie koppeln.
- Manche Menschen gehören zur Risikogruppe und haben psychische Erkrankungen, sie benötigen besonders viel Unterstützung.
- Die Krankenkassen müssen die aktuelle Situation bei den bewilligten Therapiestunden berücksichtigen. Bisherige Therapieprozesse werden für Krisenintervention/Stabilisierung unterbrochen. Therapie wird nicht einfach so nur eben digital weiter gehen können. Wir werden wahrscheinlich mehr Therapiestunden als geplant brauchen.
- Die aktuelle Situation ist für viele Menschen psychisch sehr belastend. Wir waren schon vor Corona psychisch belastet und haben um Struktur in unserem Leben und manchmal auch nur um unser bloßes Leben gekämpft. Menschen, die durch Corona Belastungen ausgesetzt sind, brauchen jetzt eine Versorgung z. B. Telefonseelsorge, Krisen-Hotlines und werden unter Umständen infolge der Corona-Pandemie eine Psychotherapie brauchen. Wir waren leider schon vor Corona Expert:innen darin, ein halbes bis zwei Jahre auf einen Therapie-Platz zu warten. Spätestens nach Corona muss die psychotherapeutische Versorgung in Deutschland ausgebaut werden. Hinweise dazu, wie sich Alltag strukturieren lässt, sind hilfreich. Für Menschen, die bereits vor Corona erheblich belastet waren, sind Vorschläge, wie immer morgens zur gleichen Zeit aufstehen, häufig nicht umsetzbar. Viele von uns konnten sich Tagesstruktur nur mit Unterstützung erarbeiten und sind auf Unterstützung angewiesen, um diese aufrechtzuerhalten.
- Manche Menschen mit psychischer Erkrankung erleben die aktuelle Situation, in der ihnen alle Außentermine (Arbeitstherapie, Selbsthilfegruppe etc.) weggebrochen sind und Kontakt- und Beratungsstellen geschlossen haben, bereits wie eine Art „Ausgangssperre“, die sie in ihrer Wohnung isoliert.
- Berichte über mögliche oder aktuelle „Ausgangssperren“ können bei Menschen mit psychischen Erkrankungen Gefühle von Hilflosigkeit und Verzweiflung, anhaltende Angstzustände und Panikattacken auslösen.
- Unser Grundgesetz sagt: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Wir dürfen die Leben von Menschen mit unterschiedlichen Erkrankungen nicht gegeneinander abwägen. Wir müssen klug, entschieden, verhältnismäßig und interdisziplinär denken und handeln. Wir müssen intersektional denken: Risikogruppen, physisch oder psychisch chronisch erkrankte Menschen, Kinder von Menschen mit psychischen Erkrankungen, von häuslicher Gewalt betroffene Frauen*, in ihren Familien von physischer, psychischer oder sexualisierter Gewalt betroffene Kinder und Jugendliche, Menschen ohne festen Wohnsitz (besonders wo diese physische und psychische Vorerkrankungen haben), geflüchtete Menschen ...to be continued.

Denkt uns mit!


Ich habe unterzeichnet, weil...

  • Weil Corona nicht über alle anderen Krankheiten gestellt werden darf. Und weil psychische Erkrankungen ernst genommen werden müssen.
  • Weil es unglaublich belastend sein kann, keine Leute zu sehen...
  • Als Mensch mit Krisenerfahrung und mit massiv traumatisierenden Erfahrungen im sogenannten Versorgungssystem halte ich die Bezeichnung "Mensch mit psychischer Erkrankung" für diffamierend und überaus gruselig. "Versorgung" von "Menschen mit psychischer Erkrankung" - bei solcher Begrifflichkeit wird mir übel! Dennoch gibt es Menschen, die (nicht nur) in solchen Zeiten Unterstützung benötigen - diese sollten wir nicht vergessen!

Neuigkeiten

2020-03-24 12:09:25 +0100

Update bezüglich verschiedener Rückmeldungen: Wir haben die Bezeichnung Menschen mit psychischen Erkrankungen als Selbstbezeichnung gewählt. Wir haben vollstes Verständnis dafür, wenn andere Menschen diese Bezeichnung ablehnen. Wir haben vollstes Verständnis dafür, wenn Menschen es ablehnen, dass ihre Krisenerfahrung als "krank" bezeichnet wird.

Uns selbst ist es ein Anliegen auch trotz der Corona-Pandemie weiterhin ausreichend Unterstützung und Versorgung zu erhalten. Uns ist bewusst, dass was wir als hilfreich und unterstützend erleben, für andere nicht hilfreich ist. Uns ist bewusst, dass Menschen in der Begegnung mit "dem Versorgungssystem" massive Gewalt erfahren haben und erfahren.

2020-03-23 15:54:30 +0100

100 Unterschriften erreicht

2020-03-22 21:04:46 +0100

50 Unterschriften erreicht

2020-03-22 17:25:24 +0100

25 Unterschriften erreicht

2020-03-22 15:03:34 +0100

10 Unterschriften erreicht