Deutschland will bis 2045 klimaneutral sein. Für Emissionen, etwa aus der Kalk- und Zementproduktion oder der Müllverbrennung, setzt der Bund auf CCS. Diese Abscheidung und Speicherung von CO₂ ist fest in der deutschen und europäischen Klimapolitik verankert. Die Prüfung einer möglichen CO₂-Pipeline für den Abtransport von klimaschädlichen Emissionen ist damit rechtlich erstmal legitim. Doch bei der Abwägung geplanter CO₂-Trassen dürfen keine Schutzgebiete unter die Räder kommen.
Diese Auen, Wälder und Moore sind unsere wirksamsten natürlichen CO₂-Speicher. Werden sie gerodet oder wird ein Moorboden aufgerissen, entweicht der Kohlenstoff – für eine Leitung, die CO₂ aus der Atmosphäre fernhalten soll. Ein alter Baumbestand lässt sich durch Neupflanzungen über Jahrzehnte nicht ersetzen. Im Oembergmoor würde ein Lebensraum zerstört, der über Generationen gewachsen ist. Klimaschutzgesetz und EU-Ordnung verpflichten, diese natürlichen CO₂-Speicher zu stärken und geschädigte Ökosysteme wie Moore, Wälder und Auen wieder in einen guten Zustand zu bringen. Bis 2045 sollen Böden, Wälder und Moore jedes Jahr 40 Millionen Tonnen CO₂ binden. Wer jetzt Schutzgebiete für eine Pipeline opfert, arbeitet gegen beide Ziele.
Die OGE hat drei Trassenvarianten untersucht und bevorzugt die für sie günstigste. Doch was für einen Konzern profitabel ist, darf nicht schwerer wiegen als Natur- und Wasserschutzgebiete und Erholungsräume. Eingriffe in Schutzgebiete dürfen nur die absolute Ausnahme sein, wenn es keine zumutbare Alternative gibt.
Ob es die gibt, ist aktuell unklar. Bevor Trassen für eine geplante Pipeline ausgewählt werden können, werden verschiedene Varianten im Rahmen einer Raumverträglichkeitsprüfung geprüft. Seit dem 25. September können Menschen vor Ort die Unterlagen des Essener Konzerns OGE einsehen und Einwände einreichen. Dafür haben wir vier Wochen Zeit. Doch hunderte Seiten durcharbeiten, Baupläne sichten und Karten lesen – das ist für Laien nicht zu schaffen.
Dabei schreibt das Gesetz eine echte Abwägung vor: Laut §4 zur Plangenehmigung für Kohlendioxidleitungen müssen öffentliche und private Belange berücksichtigt werden. Ein solches Genehmigungsverfahren liegt rein rechtlich “im überragenden öffentlichen Interesse”. Es stellt sich die Frage, welche Interessen überragen und ob überhaupt die Chance besteht, sich als Zivilgesellschaft in diesem Wust an Gutachten und kurzen Zeitraum gegen die Planungen stark zu machen.
Deshalb appellieren wir eindringlich an den Regionalverband Ruhr (RVR), die Bezirksregierung Düsseldorf und Arnsberg, mit Regierungspräsident Heinrich Böckelühr (CDU) und NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Bündnis 90/Die Grünen) : Stellen Sie sich gegen die von der OGE bevorzugte Trasse! Leiten Sie eine ernsthafte, ergebnisoffene Prüfung aller möglichen Trassen ein und stellen Sie sicher, dass Schutzgebiete als das anerkannt werden, was sie sind und unangetastet bleiben. Keine CO₂-Pipeline durch Aue, Wald und Moor!
Was ist sonst noch wichtig:
Es geht nicht nur um Schutzgebiete vor unserer Tür. Unser Ziel ist natürlich nicht, dass die Schneise einfach ins Schutzgebiet der Nachbargemeinde verlegt wird. Der Delta Rhine Corridor betrifft Städte und Gemeinden zwischen Köln, Gelsenkirchen, Duisburg und der niederländischen Grenze. Auf der ganzen Strecke durchqueren die Korridore Gewässer, Überschwemmungsflächen, Natur-, Wasserschutz- und Brutgebiete geschützter Arten. Deshalb gilt unsere Forderung für die gesamte Trasse: Schutzgebiete dürfen nicht beschädigt werden. Egal wo.
Und: Eine CO₂-Pipeline darf kein Freibrief für ein Weiter-So sein. Es muss frühzeitig und transparent geregelt werden, wer CO₂ einspeisen darf. Erlaubt sein dürfen nur Emissionen, die sich tatsächlich nicht anders vermeiden lassen. Weder die Gewinne der Emittenten noch die des Netzbetreibers dürfen hier Vorrang haben. CCS darf außerdem den Ausbau der Erneuerbaren nicht ausbremsen.
Wer sind wir? Wir sind die Solawi Mülheim – gegründet 2022 vom Solidarische Landwirtschaft Mülheim e.V. Gemeinsam mit unseren Ernteanteilnehmenden aus Mülheim an der Ruhr, Duisburg, Oberhausen, Essen und Ratingen bauen wir vor Ort saisonales Obst und Gemüse an – solidarisch und im Einklang mit der Natur. Mit regenerativer Landwirtschaft setzen wir uns für Artenvielfalt, gesunde Böden und saubere Gewässer ein. Das Klima schonen wir durch Humusaufbau, den Einsatz erneuerbarer Energien und kurze Wege unserer Produkte vom Acker auf den Teller. Wir erleben jeden Tag auf dem Acker, wie wertvoll eine intakte Natur direkt vor unserer Haustür ist. Deshalb machen wir uns mit dieser Petition über unsere eigene Arbeit hinaus stark für den Schutz unserer wertvollen Schutzgebiete, hier und überall.
Quellen:
- Wasserschutzgebiete (Styrumer Ruhrauen), Bezirksregierung Düsseldorf
- Landschaftsplan, Abschnitt C: Besondere Festsetzungen für die Naturschutzgebiete (Wambachtal und Oembergmoor), Stadt Mülheim an der Ruhr
- Delta Rhine Corridor, Teil B I: RVP-Bericht Variantenvergleich Abschnitt Delta (Rev. 03), S. 236–237, Beteiligungsportal NRW
- Wirtschaftlichkeit sticht Natur aus: CO2-Pipeline durch Mülheim und Duisburg: OGE präferiert umstrittene Wald-Trasse, WAZ, 07.10.2026
- Open Grid Europe, Clean Energy Wire
- Kohlendioxid-Speichergesetz (KSpG), § 4, Gesetze im Internet (Bundesministerium der Justiz)
- NABU zum Inkrafttreten der EU-Wiederherstellungsverordnung, NABU, August 2024
- EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur und Durchführung, Bundesamt für Naturschutz (BfN)
- Fragen und Antworten zur EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur, Bundesumweltministerium
- Jetzt die Wiederherstellung anpacken: Intakte Natur stärkt die Krisenvorsorge, Deutscher Naturschutzring (DNR)
- Beteiligungsverfahren Delta Rhine Corridor (CO₂-Pipeline), Beteiligungsportal NRW
- CO2-Lager: Gefahr durch geplante Pipeline im Rheinland, Correctiv, 11.04.2025
- Stadtverwaltung beantwortet Fragen zur geplanten CO₂-Pipeline, Stadt Mülheim an der Ruhr, 09.10.2026
- „Werden alle Register ziehen“ gegen CO₂-Pipeline, Radio Mülheim
- Wie wird Deutschland jetzt eigentlich noch klimaneutral?, Tagesspiegel Background Energie & Klima