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An: Karl Lauterbach, Gesundheitsminister

Für mehr Psychotherapieplätze und weniger Leidensdruck!

Mehr als jeder vierte Erwachsene erfüllt im Zeitraum eines Jahres die Kriterien einer psychischen Erkrankung. Dazu gehören häufig Angststörungen und Depressionen. Für die rund 18 Millionen Betroffenen und ihre Angehörigen ist eine psychische Erkrankung mit hohem Leidensdruck verbunden und führt oft zu schwerwiegenden Einschränkungen im sozialen und beruflichen Leben[¹].

Betroffene und Angehörige suchen verzweifelt nach Therapieplätzen und müssen immer wieder vertröstet werden. Mindestens drei bis neun Monate warten rund 40 Prozent der Patient:innen laut Bundespsychotherapeutenkammer auf den Beginn einer Behandlung [²] und etwa 20 Prozent sogar sechs bis neun Monate.

Ich fordere deshalb mehr Kassensitze für Psychotherapeut:innen und eine Reform der Kassensitzvergabe, damit mehr Patient:innen schneller Hilfe bekommen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass sie durch Heilpraktiker:innen oder Coaching falsch behandelt werden oder gar nicht behandelt werden - mit gravierenden Folgen bis hin zur Lebensgefahr.

Warum ist das wichtig?

Ich bin selbst Psychotherapeutin und arbeite Vollzeit, dennoch besteht bei mir eine Warteliste von zwei Jahren. Mehr Kassensitze für Psychotherapeut:innen könnten dieses Problem lösen. Denn: Es fehlt nicht an Psychotherapeut:innen - sondern an Psychotherapeut:innen, die gesetzlich versicherte Patient:innen behandeln können (also einen Kassensitz haben).

Außerdem fordere ich aus berufsethischer Sicht eine Reform zur Kassensitzvergabe und einer klaren Definition der Stundenzahl.
Ein ganz einfaches Beispiel: Der Praxisinhaber muss mit einem halben Kassensitz mindestens 12,5 Stunden pro Woche für seine Patient:innen anbieten, bei einem vollen Sitz sind es mindestens 25 Stunden. Mit einem halben Sitz kann man (abzüglich Urlaub des Praxisinhabers) 30 Stunden in der Woche arbeiten, bis man seine Kapazitäten zur Abrechnung erreicht hat. Neben Vor- und Nachbereitung, Selbstzahler- und Privatpatient:innen, kann man mit einem halben Sitz also Vollzeit arbeiten. Ich selbst habe einen halben Sitz. Und mit einem vollen Sitz kann man theoretisch 60 Stunden in der Woche abrechnen. Wenn wir Psychotherapeut:innen langfristig 60 Stunden in der Woche arbeiten würden, dann würden wir selbst Gefahr laufen, eine psychische Erkrankung zu entwickeln. Das macht ergo niemand. Die Kapazitätsgrenzen können innerhalb der Kassenärztlichen Vereinigungen jedoch variieren.

Wenn ein Praxisinhaber also auf einem vollen Sitz arbeitet (ohne eine weitere Person angestellt zu haben) und seine Pflichtstunden von 25h macht, gehen in der Woche also 35 Therapiestunden verloren, die hätten abgerechnet werden können. Aber laut Bedarfsplanung existieren dann genug Sitze pro Einwohnerzahl. Für Praxisinhaber:innen mit einem vollen Sitz sollte es dringend attraktiver gemacht werden, weitere Kolleg:innen anzustellen.

Im Koalitionsvertrag hat die Ampel-Regierung versprochen, die “Wartezeiten auf einen Behandlungsplatz [...] deutlich zu reduzieren”. Doch wir warten schon viel zu lange auf die versprochene Reform. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach muss jetzt sein Versprechen einlösen und Psychotherapie viel schneller zugänglich machen.

Quellen:
[¹] "Basisdaten Psychische Erkrankungen", dggpn, Januar 2023.
[²] "BPtK-Auswertung: Monatelange Wartezeiten bei Psychotherapeut*innen", bptk.de, 29. März 2021.

Neuigkeiten

2023-01-27 06:41:03 +0100

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2023-01-24 15:58:11 +0100

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