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An: • Ministerin Aminata Touré • Ministerpräsident von S-H Daniel Günther • Ministerin Prof. Dr. Kerstin von der Decken • Bundesgesundheitsminister Dr. Carsten Linnemann • Die Gesundheitsausschüsse

Die Gesundheit unserer Kinder - die Zukunft

Bild von Jess Zoerb auf Unsplash
Offener Brief an die Gesundheitspolitik

BETREFF: Dramatische Situation der Pädiatrie – Kinderkliniken und ambulante Versorgung durch „Systemfehler“ und Kürzungen akut existenzbedroht

Sehr geehrte Damen und Herren,
wir – Ärzt*innen, Pflegekräfte, medizinisches Fachpersonal, Großeltern, Eltern und Unterstützer*innen – wenden uns heute mit großer Sorge um die Zukunft der gesundheitlichen Versorgung unserer Kinder und Jugendlichen an Sie.
Die pädiatrische Versorgung in Deutschland – sowohl in den stationären Kinderkliniken als auch in den ambulanten Kinder- und Jugendarztpraxen – kämpft ums Überleben. Die Leidtragenden dieser chronischen Unterfinanzierung und Fehlsteuerung sind die vulnerabelsten Mitglieder unserer Gesellschaft und gleichzeitig unsere Zukunft: Die Kinder.

1. Die stationäre Krise: Das DRG-System als Fehlkonzept für Kinderkliniken
Das System der fallorientierten Pauschalen (DRG) hat in der Pädiatrie zu verheerenden Fehlentwicklungen geführt. Kinder- und Jugendmedizin lässt sich nicht in starre, ökonomisierte Fallpauschalen pressen:

  • Keine Skaleneffekte: Kinder und Jugendliche sind keine kleinen Erwachsenen. Ihre Behandlung erfordert hochspezialisiertes Personal, intensiven Betreuungsaufwand und individuelle Zuwendung, die im DRG-System strukturell unterbewertet sind.
  • Hohe Vorhaltekosten: Kinderkliniken müssen Infrastruktur, Betten und Notfallteams für unvorhersehbare Infektwellen bereithalten. Das DRG-System belohnt jedoch nur die Auslastung („Fallzahlmaximierung“), nicht das lebensnotwendige Bereithalten dieser Strukturen. Die versprochene Vorhaltefinanzierung wird immer weiter verschoben.
  • Fachkräftemangel: Durch die Generalistik in der Pflegeausbildung hat sich der Mangel an spezialisierten Kinderkrankenpflegekräften drastisch verschärft. Stationen und Betten müssen regelmäßig wegen Personalmangels abgemeldet werden.
  • Flächendeckendes Kliniksterben: Die Ökonomisierung zwingt Kliniken zur Reduktion und Schließung von Kinderstationen, da diese aufgrund des „Systemfehlers" defizitär sind. Lange Anfahrtswege für Notfälle und Familien sowie Versorgungsengpässe bei der Aufnahme akut kranker Kinder sind die direkte Folge.

2. Die ambulante Krise: „Sprechende Medizin“ wird nicht honoriert
Nahtlos setzt sich dieser Systemfehler im ambulanten Sektor fort. Der Einheitliche Bewertungsmaßstab (EBM) bildet die Realität in den Praxen nicht ab:

  • Fokus auf Pauschalen statt Einzelleistungen: Die Abrechnung basiert stark auf quartalsweisen Pauschalen. Da Kinderärzt*innen ihre Patient*innen in Infektwellen oft mehrfach sehen müssen, deckt die einmalige Pauschale die Kosten der Folgekontakte nicht ab.
  • Budgetierung von Präventionsleistungen: Vorsorgen und Impfungen sollen wieder budgetiert werden, was zu Versorgungsengpässen bei wichtigen präventiven Maßnahmen führt und das Zweiklassensystem verschärft.
  • Abwertung der „Sprechenden Medizin“: Pädiatrie lebt von Kommunikation. Ein Kind zu untersuchen, Vertrauen aufzubauen und Eltern ausführlich zu beraten, kostet Zeit. Diese zeitintensive, trianguläre Kommunikation wird nicht honoriert. Der EBM bevorzugt technische, apparative Medizin. Damit wird die erhebliche positive präventive Wirkung von Aufklärung, Beratung und Begleitung der Familien nicht berücksichtigt.
  • Nachwuchsmangel: Die Kombination aus überbordender Bürokratie, hohem Arbeitsdruck und unfairer Vergütung macht die Niederlassung für den Nachwuchs unattraktiv. Uns droht eine massive Unterversorgung in der Fläche.

3. Unsere Forderungen an die Politik

  1. Vollständige Abkehr vom DRG-System in der Kindermedizin: Ersatz durch eine bedarfsgerechte, vollständige Finanzierung der Vorhaltekosten für Kinderkliniken.
  2. Komplette und dauerhafte Entbudgetierung im ambulanten Sektor: Jede erbrachte medizinische Leistung muss honoriert werden.
  3. Gezielte Stärkung der Kinderkrankenpflege: Rückkehr zu einer spezialisierten Ausbildung, um der Besonderheit der pädiatrischen Pflege gerecht zu werden.
  4. Aufwertung der „Sprechenden Medizin“: Deutliche Anhebung der Vergütung für Beratungs- und Zuwendungszeiten im ambulanten und stationären Bereich, um den präventiven Effekt einer intensiven Familienbegleitung zu nutzen.
  5. Bürokratieabbau & Patientensteuerung: Drastische Reduzierung des administrativen Aufwands, damit wieder mehr Zeit für die Patienten*innen bleibt, sowie eine bessere Steuerung zur Entlastung der Notfallstrukturen.

Die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen darf keine Frage der ökonomischen Rentabilität sein!
Sie ist das Fundament unserer Gesellschaft von heute und morgen.
Wir erwarten von Ihnen als unsere gewählten Vertreter*innen eine mutige  parteiübergreifende Gesundheitspolitik, die das Wohl der Kinder über das der Wirtschaft stellt und ihre Versorgung sichert.
Für konstruktive Gespräche und die Diskussion von Lösungsideen stehen wir gerne zur Verfügung.

Mit herzlichen Grüßen

Für unsere kleinen und großen Patient*innen, für unsere Kinder, für das gesunde Fortbestehen unserer Gesellschaft
Lisa Anker, Dr. Marie Diekötter, Dr. Cecilia Duncker, Dr. Franziska Föllmer, Katharina Geling, Dr. Jessica Greinacher, Meike Hartmann, Laura Holzmann, Robert Hoppe, Dr. Sabine Leuschner, Dr. Petra Müller, Dr. Ellen Naujokat, Lisa Orgis, Dr. Jutta Paschedag, Francisca Pinto, Dr. Valeska Sandvoss, Julia Salamon, Jana Schemainda, Dr. Dietmar Spengler, Mareike Thielen, Joana Vondung, Hella van der Kroon, Anette Zartner-Steen uvm.

Warum ist das wichtig?

Kinder und Jugendliche sind die Grundlage - Gegenwart und Zukunft - unserer Gesellschaft und haben selbst kaum eine Stimme im politischen Bereich, wir müssen für sie laut werden. Das ist auch in vielen anderen Bereichen außerhalb der medizinischen Versorgung der Fall.

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2026-09-07 20:23:35 +0200

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