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Gebärdensprachlicher Dialog zum AppellDisability Studies sind ein transdisziplinäres, international ausgerichtetes und höchst innovatives Forschungsfeld, das traditionelle Sichtweisen auf Behinderung hinterfragt und neue Denkweisen anregt: Im Mittelpunkt steht die Analyse von Behinderung als soziales Phänomen. Ihr Ansatz ist damit gesellschaftskritisch und grundlagentheoretisch angelegt – Behinderung wird nicht als individuelles Defizit verstanden, sondern die gesellschaftlichen Barrieren werden ebenso in den Blick genommen wie die Normierungs- und Normalisierungsprozesse sozialer Ungleichbehandlung. Seit den frühen 2000er-Jahren sind die aus den internationalen Behindertenbewegungen hervorgegangenen Disability Studies auch im deutschsprachigen Raum an verschiedenen Hochschulen und Universitäten vertreten, u.a. das ‚Zentrum für Disability Studies und Teilhabeforschung‘ (ZeDiSplus) in Hamburg, die ‚Internationale Forschungsstelle Disability Studies‘ (iDiS) in Köln oder das ‚Bochumer Zentrum für Disability Studies‘ (BODYS). Es gibt ein breites Spektrum an Forschungsaktivitäten und zahlreiche Lehrangebote, aber bislang keine eigenständigen Studiengänge. Disability Studies verstehen sich als Querschnittsdisziplin; sie entwickeln neues Wissen, Theorien und Methoden, die weit über den traditionellen Behinderungsdiskurs hinausgehen und den Grundsatz „Nichts über uns ohne uns“ praktisch umsetzen. Zentral ist die gleichberechtigte Partizipation von Menschen mit Behinderungen.
Angesichts des aktuellen gesellschaftlichen und politischen Backlashs stehen sowohl Gender & Queer Studies als auch die Disability Studies unter Druck. Dies zeigt sich in systematischen Angriffen auf sexuelle und geschlechtliche Vielfalt sowie inklusive Pädagogik und setzt sich in der Ablehnung gesellschaftskritischer Forschung und Lehre fort. Die Angriffe folgen einem bekannten Muster: Sie beginnen mit der Delegitimierung einzelner emanzipatorischer Disziplinen, um schrittweise das gesamte Spektrum der gesellschaftskritischen Lehre und Forschung zu untergraben. Besonders intersektionale und menschenrechtsorientierte Forschungsansätze sind daher keine Selbstverständlichkeit. Es müssen dringend im deutschsprachigen Raum dauerhafte institutionelle Grundlagen für Disability Studies geschaffen werden – auch um der Demontage kritisch-emanzipatorischer Wissenschaften entgegenzutreten. Zurzeit passiert hierzulande aber genau das Gegenteil, anstatt bestehende Institutionen der Disability Studies zu stärken, sollen sie entweder geschlossen werden oder sind durch radikale Kürzungen bedroht:
Das Zentrum für Disability Studies und Teilhabeforschung (ZeDiSplus) an der Ev. Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie, Stiftung Das Rauhe Haus Hamburg und die damit verbundene bundesweit einmalige Interdisziplinäre Professur für Disability Studies und Teilhabeforschung sollen zum September bzw. Dezember dieses Jahres enden. ZeDiSplus ist seit 2005 eine der ersten Einrichtungen, die Disability Studies in Deutschland institutionell vertreten. Sein drohender Wegfall würde nicht nur eine zentrale Forschungseinrichtung im Norden Deutschlands treffen, sondern auch eine der wenigen Stimmen verstummen lassen, die sich konsequent für Inklusion, Partizipation und menschenrechtsorientierte Forschung und Lehre einsetzen. Das ZeDiSplus hat mit seinen öffentlichen und weitgehend barrierefreien Ringvorlesungsreihen internationale Bekanntheit erlangt. Aus diesen Veranstaltungen sind zahlreiche Publikationen hervorgegangen. Die Professur für Disability Studies hat u.a. mit dem Schattenbericht Hamburg eine konkrete Kritik aktueller staatlicher Politiken in Bezug auf die Inklusion und Partizipation von Behinderung betroffener Menschen entwickelt. Mit der Entwicklung überhochschulischer Zertifikatsstudiengänge leistet das ZeDiSplus Pionierarbeit und einen dringend erforderlichen Beitrag zur inklusiven und transdisziplinären Hochschulbildung.
Die 2004 gegründete Internationale Forschungsstelle Disability Studies (iDiS) an der Universität zu Köln sowie die erste ordentliche Professur für Soziologie und Politik der Rehabilitation, Disability Studies an einer deutschsprachigen Universität – bis 2024 mit bundesweiter und internationaler Sichtbarkeit durch Prof. Dr. Anne Waldschmidt vertreten – sind aktuell durch Sparpläne des Landes NRW in ihrer Existenz bedroht. An der Forschungsstelle werden zentrale, profilbildende Beiträge zu den deutschsprachigen Disability Studies geleistet, u.a. Lehrwerke, ein interdisziplinäres Handbuch Disability Studies, grundlegende Sammelwerke sowie einführende und programmatische Texte. Auch einschlägige Drittmittelprojekte wurden durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und Forschungsprogramme der Europäischen Union gefördert. Der Kölner Ansatz verbindet Sozial- und Kulturwissenschaften auf innovative Weise. Hervorzuheben ist die grundlagentheoretische Orientierung der Professur, die in Verbindung mit den Disability Studies ein einzigartiges Profil innerhalb der deutschen Hochschullandschaft begründet hat. Der wegweisende Lehr- und Forschungsbereich an der Universität zu Köln braucht eine gesicherte Zukunft!