1,000 Unterschriften erreicht
An: Alexander Dobrindt (CSU), Innenminister; Karin Prien (CDU), Ministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend; Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes
Femizide sichtbar machen: Femizid-Watch jetzt!
Der Fall von Collien Fernandes zeigt: Patriarchale Gewalt ist allgegenwärtig – auf der Straße, im Netz und zu Hause. Doch das volle Ausmaß geschlechtsspezifischer Delikte bleibt im Dunkeln, politisches Handeln greift zu kurz.
Auch wie viele Femizide tatsächlich begangen werden, wissen wir nicht. Das Monitoring übernehmen bisher Aktivist*innen – unbezahlt und ohne Zugang zu allen polizeilichen Informationen. Bis heute gibt es keine offizielle, systematische Erfassung von Femiziden. Das nehmen wir nicht länger hin!
Wir fordern von der Bundesregierung die Einrichtung einer unabhängigen Femizid-Beobachtungsstelle („Femizid-Watch“), wie es sie längst in Spanien gibt. (1)
Dabei sollen zivilgesellschaftliche Organisationen mit einbezogen werden, die in den letzten Jahren bereits wichtige Arbeit zur Datenerhebung von Femiziden geleistet haben. (2) Jeder Femizid muss erfasst, analysiert, öffentlich gemacht und endlich Teil der polizeilichen Kriminalstatistik werden. Denn nur belastbare Daten ermöglichen wirksame Maßnahmen. Nur sichtbare Gewalt lässt sich bekämpfen.
Warum ist das wichtig?
Femizide sind Tötungen von Frauen auf Grund dessen, dass sie Frauen sind. Meistens werden diese Morde von (Ex-)Partnern oder anderen männlichen Verwandten und Bekannten begangen, motiviert durch Frauenhass, Kontroll- und Besitzansprüche. Sie passieren nicht plötzlich, sondern fast immer nach einer Vorgeschichte von Gewalt, Bedrohung und Hilferufen, die ungehört bleiben.
Femizide sind keine Randerscheinung. Unterschiedliche aktuelle Zählungen kommen zwar zu teils abweichenden Ergebnissen, zeigen jedoch übereinstimmend: In Deutschland wird nahezu täglich eine Frau Opfer eines Tötungsversuchs durch ihren Partner oder Ex-Partner. (1,3)
Aber: Es gibt hierzulande keine offizielle, systematische Erfassung von Femiziden, sodass das volle Ausmaß dieser tödlichen Gewalt unsichtbar bleibt. Seit Jahren übernehmen selbstorganisierte Initiativen und zivilgesellschaftliche Organisationen die wichtige und aufwändige Arbeit Femizide zu zählen – größtenteils ehrenamtlich, mit begrenzten Ressourcen und ohne Zugang zu allen relevanten Informationen und Daten des Tathintergrunds. Dass diese Initiativen in ihrer Arbeit auf sich allein gestellt sind, ist ein politisches Versäumnis.
Das Bundeskriminalamt (BKA) veröffentlichte in den letzten zwei Jahren Zählungen von Frauen, die durch geschlechtsspezifische Gewalt im Vorjahr getötet worden sind. Allerdings kritisieren Organisationen, die Femizide seit Jahren dokumentieren, die derzeitige Erfassung. Denn bislang existiert keine einheitliche Definition von Femiziden. “Morde an Frauen” werden mit geschlechtsspezifischer Gewalt gleichgesetzt. Und die Tatmotivation wird in der polizeilichen Kriminalstatistik gar nicht erfasst.(4)
Auf Basis von Analysen zivilgesellschaftlicher Organisationen lässt sich die Zahl der Femizide hochrechnen, eine vollständige Zählung von Femiziden anhand transparenter Kriterien gibt es jedoch von staatlicher Seite in Deutschland bis heute nicht.(5) Wichtige Fragen bleiben unbekannt. Zum Beispiel, ob die Behörden bereits von Gewalt in der Beziehung wussten und ob die Frau sogar schon Schutz bei der Polizei gesucht hatte. Damit wird das strukturelle Ausmaß patriarchaler Gewalt nicht sichtbar.
In Deutschland gibt es seit einigen Monaten Entwicklungen hin zu einer bundeseinheitlichen polizeilichen Definition des Begriffs „Femizid“. Im Oktober hat eine neue Bund-Länder- Arbeitsgruppe damit begonnen, entsprechende Kriterien dafür zu erarbeiten. Mit Ergebnissen sei im ersten Halbjahr 2026 zu rechnen. Wir unterstützen diese Entwicklung und wollen mit unserer Petition den politischen Druck erhöhen, damit die erarbeiteten Kriterien schnell und verbindlich in konkrete Maßnahmen überführt werden. Aktivistische und zivilgesellschaftliche Organisationen, die bereits jahrelang Femizide dokumentiert haben, sollten dabei mit einbezogen werden.(2)
In Spanien werden Femizide längst offiziell erfasst. Seit einem umfassenden Gesetz gegen geschlechtsspezifische Gewalt aus dem Jahr 2004, führt der Staat Statistiken zu Femiziden, die kontinuierlich veröffentlicht und gesellschaftlich sichtbar gemacht werden. Dabei werden die Fälle differenziert erfasst, z. B. nicht nur Partner- oder Ex-Partner-Tötungen, sondern auch andere Formen von geschlechtsspezifischen Tötungen in mehreren Kategorien. Behörden bestätigen einzelne Fälle offiziell als Femizid und ordnen sie entsprechend ein – sie verschwinden also nicht in allgemeinen Mordstatistiken.(6) Die Zahlen und Fälle werden öffentlich diskutiert und medial sichtbar gemacht, wodurch ein kontinuierlicher gesellschaftlicher Druck entsteht, patriarchaler Gewalt etwas entgegenzusetzen.
Daten sind eine zentrale Grundlage für Prävention und politische Verantwortung. Nur mit verlässlichen Daten lassen sich wirksame Maßnahmen entwickeln. Eine Regierung, die Femizide nicht klar benennt, nicht systematisch erfasst und nicht entschieden bekämpft, nimmt weitere Morde billigend in Kauf.
Wir fordern die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung auf: Schützen Sie Frauenleben. Stoppen Sie Femizide – jetzt!
Quellen:
(1) Wie Spanien Frauen vor sexualisierter Gewalt schützt, Deutschlandfunk, 08.03.2025, https://www.deutschlandfunk.de/spanien-sexualisierte-gewalt-frauen-zustimmungsgesetz-100.html
(2) Beispiele zivilgesellschaftlich aktive Organisationen in Deutschland: #KeineMehr,
Femizide Stoppen, One Billion Rising, Feminizidmap – Monitoringstelle für Femi(ni)zide in Deutschland
(3) Je nach Erhebung wird zwischen nahezu täglich und jedem zweiten Tag ein Femizid oder ein versuchter Femizid registriert.
(4) In diesem Jahr gab es dazu eine Kleine Anfrage der Abgeordneten Marcel Emmerich, Dr. Irene Mihalic, Dr. Lena Gumnior, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Die Antwort der Bundesregierng (Drucksache 21/3504 vom 03.02.2026): https://dserver.bundestag.de/btd/21/039/2103972.pdf
(6) https://www.dw.com/de/spanien-ein-ganzes-land-k%C3%A4mpft-gegen-femizide/video-72543 511?utm_source=chatgpt.com