An: Minister für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg Gordon Hoffmann und den Ausschuss für Bildung, Jugend und Sport des Brandenburger Landtags

Gleichstellung: Jetzt Brandenburgs Lehrkräfte unterstützen!

Sehr geehrter Herr Minister (Hoffmann), sehr geehrte Mitglieder des Ausschusses für Bildung, Jugend und Sport, 

Lehrkräfte mit dem Schwerpunkt auf der Sekundarstufe I (Sek I) werden in Brandenburg grundlegend benachteiligt. Sie erhalten keine „Befähigung zum Unterrichten der Sekundarstufe II“, dürfen ohne diese Lehrbefähigung keine Abiturprüfungen abnehmen und werden kaum in der Sek II eingesetzt. Es ist ihnen nur selten möglich, an einem Gymnasium oder einer Gesamtschule zu unterrichten. Dort können sie auch nicht Schulleitung, stellvertretende Schulleitung oder Studiendirektor/in werden. Lehrkräfte mit Schwerpunkt auf der Sek II können hingegen an jeder Schule mit Sekundarstufe unterrichten und dort auch Führungspositionen bekleiden.

So werden Lehrkräfte mit Schwerpunkt auf der Sek I wie Lehrende zweiter Klasse behandelt. Deshalb schlagen aktuell auch kaum Studierende freiwillig diesen Weg ein, was u.a. dazu führt, dass die Brandenburger Oberschulen Probleme haben, ihre Stellen zu besetzen. Auch an Gymnasien und Gesamtschulen könnten Lehrkräfte mit besonderem Fokus auf individueller Förderung, Inklusion und Umgang mit vielfältigen Klassen einen wichtigen Beitrag leisten. Da sie aber keine Abiturprüfungen abnehmen können, erhalten sie dort nur selten eine Stelle. 

Dies betrifft insbesondere LER- und WAT-Lehrkräfte, die zu diesem Schwerpunkt gezwungen werden. So entscheiden sich immer mehr LER- und WAT-Studierende für ein Referendariat in Berlin oder anderen Bundesländern. Ihre Rückkehr ist ungewiss. So können sie zu gleichwertigen Lehrkräften werden, das Land Brandenburg verliert aber dringend benötigten Nachwuchs beim Lehrpersonal.

Wir fordern deshalb, den Schwerpunkt auf der Sek I zu einer gleichwertigen Option zu erheben, indem:
  • alle in Brandenburg voll ausgebildeten Sekundarstufen-Lehrkräfte die Lehrbefähigung für die Sek II erhalten,
  • die bisher in Brandenburg voll ausgebildeten Sekundarstufen-Lehrkräfte die Möglichkeit bekommen, die Befähigung nachträglich zu beantragen,
  • diese Lehrkräfte ebenfalls die Möglichkeit erhalten, an allen Schulen mit Sekundarstufe Schulleitung und stellvertretende Schulleitung sowie Studiendirektor/in zu werden und
  • langfristig die Fächer LER und WAT (oder ähnliche Fächer) in der Sekundarstufe II eingeführt werden.

Warum ist das wichtig?

Durch die bisherigen Regelungen verschenkt das Land Brandenburg Lehrkräfte an andere Bundesländer, denn die beschriebenen Einschränkungen lassen sich nach dem Referendariat nur mit hohem Mehraufwand umgehen. Nur wenige haben die Möglichkeit, sich zusätzlich zu ihrer Arbeit noch intensiv (bspw. durch ein extra Studium) weiterzubilden. Viele Lehrkräfte beschränken sich durch die Entscheidung für den Schwerpunkt somit de facto für den Rest ihres Lebens. Deshalb gehen viele Studierende mit Sek-I-Schwerpunkt nach ihrem Studium nach Berlin und in andere Bundesländer. Alle Lehrkräfte, die dort ihr Referendariat abschließen, werden automatisch zu vollwertigen Lehrkräften mit Schwerpunkt auf der Sek II. So können sie alle bisher beschriebenen Probleme umgehen. Ihre Rückkehr nach Brandenburg ist bestenfalls ungewiss. 

Das Land Brandenburg braucht diese Lehrkräfte dringend. Mit seinem Amtsantritt Anfang des Jahres warnte Bildungsminister Hoffmann bereits vor dem Lehrkräftemangel. Es sei unsicher, ob die Stundentafel nächstes Schuljahr abgedeckt werden könne.[1] Zusätzlich warnen verschiedene Verbände davor, dass eine hohe Zahl von Lehrkräften in Rente gehen wird[2] und natürlich hat das Land Brandenburg bereits eine Menge Geld in die hochwertige Ausbildung der hiesigen Absolvierenden gesteckt. Es ist erstaunlich, dass wir diese Lehrkräfte mit unseren eigenen Verordnungen dahin leiten, Brandenburg zu verlassen.  

Die Regelung erscheint außerdem grundlegend absurd. Warum sollten voll ausgebildete Lehrkräfte, die sich im Studium ein halbes Semester (18 LP) mehr mit Inklusion beschäftigt haben, für den Rest ihrer Laufbahn eingeschränkt werden? Lehrkräfte mit Schwerpunkt auf der Sek II qualifizierten sich hingegen für ihren Weg u.a. durch Kurse wie „Analysis 3“, „Literatur von Friedrich Höderlin“ oder „mittelalterliche Werwolfsgeschichten“. So wenige Kurse mit geringer Relevanz für die Schule befähigen Studierende nicht, die Sek II zu unterrichten. Alle Lehrkräfte mit abgeschlossenem Studium und Referendariat sind kompetent genug, in der Sek II zu unterrichten und Abiturprüfungen abzunehmen.

Brandenburg, Deutschland

Maps © Stamen; Data © OSM and contributors, ODbL