Braucht ein Kindernachrichtenformat wirklich eine halbe Stunde ungefilterte Redezeit für einen Politiker, dessen Partei vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird? Wir sagen nicht, dass man die AfD nicht hätte einladen dürfen. Aber wenn man das tut, muss die Redaktion die jugendlichen Interviewenden angemessen vorbereiten. Nicht umsonst gibt es unzählige Mediencoachings für TV-Formate, auch für erfahrene Erwachsene. Für Kinder und Jugendliche muss das absolutes Mindestmaß an Vorbereitung auf solch eine Situation sein. Es braucht ein Faktencheck-Team vor Ort, damit Aussagen direkt eingeordnet werden können und nicht, wie beim ersten Interview, weitgehend unwidersprochen und nicht ausreichend eingeordnet stehen bleiben.
Die Verantwortung für das, was bei logo! passiert ist, darf nicht bei den interviewenden, jugendlichen Schüler*innen liegen. Die redaktionelle Verantwortung liegt ganz eindeutig beim öffentlich-rechtlichen Kinderformat des ZDF. Doch der macht klar: Ob dem Format oder der Schülerin ein Shitstorm droht, war nicht Teil der vorherigen Abwägung. Die Leiterin der logo!-Nachrichten Constanze Knöchel bügelt vor Ausstrahlung der Sendung ab: “am Ende orientieren wir uns nicht an der Frage, welcher Shitstorm droht, sondern an unserem Auftrag: Kinder brauchen verlässliche Informationen, um sich eine eigene Meinung bilden zu können. Auch dann, wenn es unbequem wird.”
Kinder und Jugendliche haben selbstverständlich ein Recht darauf zu erfahren, welche Parteien zur Wahl stehen, was sie fordern und warum über bestimmte Parteien besonders kontrovers diskutiert wird. Aber journalistische Ausgewogenheit bedeutet nicht, politische Aussagen und extremen Positionen ohne ausreichende Einordnung weiterzugeben. Das ist nicht verlässlich, das ist unzulässig.
Unzulässig ist auch, Schüler*innen für Interviews anzufragen und ihnen nicht die Möglichkeit zu geben, sich einzubringen oder kritische Nachfragen zu stellen. Das kehrt den Beutelsbacher Konsens in sein Gegenteil um. Denn statt Kontroverses kontrovers abzubilden, verschafft logo! einer Seite eine unwidersprochene Bühne.
Nach dem Beutelsbacher Konsens muss Kontroverses und verschiedene Standpunkte abgebildet werden. Schüler*innen müssen die Möglichkeit haben, sich eigenständig ein Urteil zu bilden. Doch das ist ohne Briefing und ohne Möglichkeit, sich kritisch in solch einem Interview einzubringen, unmöglich. Fragen nach Lieblingsfächern oder Jugendwörtern nutzen weder den Zuschauer*innen, noch den Interviewenden, gar nichts. Profitieren tun am Ende Politiker*innen, die Sympathiepunkte sammeln.
Wir weichen der Auseinandersetzung mit rechtsextremen Positionen nicht aus. Im Gegenteil, genau weil wir sie ernst nehmen, können wir sie nicht in einem Format führen, das uns als Fragende auf reine Stichwortgeber reduziert, ohne Raum für Einordnung, Rückfrage und Richtigstellung zu lassen.
Der LSR MV hat deshalb nach dem ersten Interview Verantwortung übernommen und Forderungen gestellt. Mindestvoraussetzungen, die notwendig sind, damit ein solches Interview seiner Verantwortung gegenüber jungen Zuschauer*innen gerecht wird. Dazu gehören eigene Fragen, ausreichende Vorabinformation zu den zu erwartenden Positionen, professionelle medienpraktische Vorbereitung sowie eine Möglichkeit zur Einordnung strittiger Aussagen. Denn ohne diese Möglichkeit zur Richtigstellung hätte eine in Teilen gesichert rechtsextreme Partei in der zweiten Sendung erneut unwidersprochen ihre Positionen verbreiten können, ohne dass die Schüler*innen das im Interview selbst hätten einordnen oder korrigieren können. Das hätte im Ergebnis verharmlost, wofür diese Partei steht.
„logo!“ könnte aus der Kritik deshalb etwas Besseres machen: ein Format, das Kindern und Jugendlichen verständlich erklärt, was Rechtsextremismus bedeutet. Woran erkennt man rechtsextreme Aussagen? Was unterscheidet demokratische Kritik von Angriffen auf die Grundrechte anderer Menschen? Wie arbeiten Populist*innen mit Ängsten und Feindbildern? Und warum beobachten Verfassungsschutzbehörden Teile beziehungsweise Landesverbände der AfD?
Quellen:
„ZDF-‚logo!‘: ZDF verteidigt Interview mit AfD-Spitzenkandidat in Kindernachrichten“, ZEIT, 05.09.2026
„Bei ‚logo!‘ spricht Siegmund über Geschichte – doch zentraler Begriff bleibt aus“, Berliner Morgenpost, 04.09.2026
„logo! vom Donnerstag, 3. September 2026“, KiKA, 03.09.2026
„logo! – Schülersprecherin befragt Spitzenkandidaten“, ZDF / ZDFtivi, 03.09.2026
„ZDF: Kritik an ‚logo!‘-Interview mit AfD-Politiker Siegmund“, Evangelische Zeitung (epd), 09.09.2026
„Beutelsbacher Konsens“, Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), 07.04.2011
„Beutelsbacher Konsens“, Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik e. V. (DeGeDe)