An: Bürgerinnen und Bürger, Prominente aus Kultur und Wissenschaft

Offene Antwort auf den Offenen Brief an Bundeskanzler Scholz

Sie lehnen eine Ausrüstung der Ukraine mit schweren Waffen ab, weil Sie eine Eskalation des Krieges bis hin zum Atomkrieg fürchten. Die Sorge ist nachvollziehbar, der Gedankengang ist es nicht. Sie plädieren dafür, dass die Ukraine sich ergibt und dem Begehr des Invasoren nachgibt. Sie stellen Leben über Freiheit. Das ist eine legitime und diskutable Haltung, wenn denn dies wirklich die beiden Pole wären, zwischen denen es sich zu entscheiden gälte.
Würden Putins Truppen die Ukraine besetzen und die Menschen könnten ihr Leben einfach in einer zwar lästigen Diktatur, aber in Unversehrtheit weiterleben? Wohl eher nicht, wenn man sich die Gräuel ansieht, die die russischen Truppen bereits auch an der Zivilbevölkerung verübt haben. Dies wären dann die Kollateralschäden dafür, dass man versucht, den Despoten zu beruhigen, indem man ihm gibt, was er will – und damit der Krieg schön jenseits unserer Grenzen im Osten bleibt und nicht zu uns herüberschwappt. Sie opfern mit Ihrer Haltung das Volk der Ukraine und ignorieren deren Ruf nach Hilfe. Die Ukrainer sind es, die Waffen wollen, um sich - und dabei auch uns und unsere Werte – zu verteidigen.

Und würden die Truppen des Besessenen nicht immer weitermarschieren, wenn es keine Gegenwehr gäbe? Wie sähen Europa und die Welt heute aus, wenn das auch das Prinzip zu Hitlers Zeiten gewesen wäre? Gäbe es dann heute Sauerkraut vom Atlantik bis in den Ural und überall würden Hakenkreuzfahnen flattern? In Tibet haben sich die Menschen nicht gewehrt, und trotzdem ist eine Million von ihnen ermordet worden.
Hitler hatte keine Atomwaffen, könnten Sie argumentieren. Aber ist es richtig, sich von einer Drohung einschüchtern zu lassen und einen Menschen, der in seiner eigenen Logik und Weltsicht lebt, Europa einnehmen zu lassen? Der ohnehin tut, was ihm in den Sinn kommt, einerlei, wie sein Gegenüber sich verhält? Sie fordern eine Lösung auf dem Verhandlungsweg – aber wie soll diese aussehen, wenn eine der beiden Seiten allein bestimmen will, was ein angemessenes Ergebnis ist, nämlich die Erfüllung all ihrer Forderungen?

Für uns ist es lediglich beunruhigend, für die direkt betroffenen Menschen hingegen tragisch, dass es wieder zu einem Krieg in Europa gekommen ist. Nebenbei bemerkt ja nicht der erste, nur auf dem Balkan war keine Großmacht involviert, insofern hat uns das nicht so mit Sorge um unser eigenes Wohl erfüllt.
Es ist eine zutiefst menschliche Pflicht, denen, die in Not sind und um Hilfe bitten, auch Hilfe zukommen zu lassen. Und es ist feige und egoistisch, aus der eigenen Komfortzone heraus zu argumentieren, man möge den fehlgeleiteten Despoten nur machen lassen, um eben diese eigene Komfortzone, den Wohlstand und unsere schöne westeuropäische Welt nicht zu gefährden. Wir wollen beim Schlendern durch den Kollwitzkiez oder über den Viktualienmarkt neben dem Biogemüse nicht ständig auch noch Angst und Sorge mit uns herumtragen.

Verlängern noch mehr Waffen nicht nur den Krieg und das Leiden? Ja. Es ist ein auswegloses Dilemma, und das macht einen wütend, ratlos und müde, und man wendet sich beinahe schon ab und nimmt es als neue Normalität, dass nebenan gemordet wird, und hofft hauptsächlich, dass es nicht uns erreicht. Das wiederum macht noch wütender, in solch eine Lage gebracht zu werden - die natürlich nicht im Ansatz so schlimm ist wie die grausame Situation der Menschen dort.

Frieden schaffen mit Waffen? Klingt absurd und ist es auch. Frieden schaffen ohne Waffen, das Leben über die Freiheit stellen? Klingt erstmal einzig richtig, aber ist das, was dann kommt, Frieden? Es bleibt ein Dilemma, aber aus Angst um die eigene Haut nicht zu helfen, ist feige. Im Alltag fordern wir Zivilcourage. In dieser Lage ist ebenfalls Courage gefragt und Hilfe, auch wenn sie in diesem Fall die Namen von Raubkatzen trägt.

Warum ist das wichtig?

Es geht um eine solidarische Haltung unserer Gesellschaft als Antwort auf die russische Aggression